„Im Ernstfall gut vorbereitet“

Im Interview mit Stadtbrandinspektor Jens-Peter Karn

von Michael Dobler

Bensheim. Unser Leben ist heute sehr stark vom Strom abhängig. Vielen von uns ist das gar nicht bewusst. Zum Glück werden die meisten Stromausfälle schnell – also in wenigen Stunden – behoben. In den Medien ist nun aber immer häufiger zu vernehmen, dass eine Gasmangellage auch einen Stromausfall wahrscheinlicher werden lässt. Im Interview spricht Jens-Peter Karn, Stadtbrandinspektor Bensheims, unter anderem über Notfallvorsorge und darüber, wie er die Situation im kommenden Winter einschätzt. 


Wie wäre die Vorgehensweise bei einem Stromausfall in Bensheim?

Jens-Peter Karn: Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass unabhängig von der aktuellen Situation es jederzeit zu einem Stromausfall kommen kann. Meist ist er schnell behoben. Aber es gibt auch Ausnahmesituationen, in denen der Strom mehrere Tage ausfallen kann. Das kann zum Beispiel in Unwettersituationen der Fall sein.

Die Feuerwehren der Stadt Bensheim beschäftigen sich schon lange mit dem Thema Stromausfall. Wir haben einige Gebäude so umgerüstet, dass diese im Bedarfsfall vorübergehend mit Notstrom versorgt werden können. In den Gerätehäusern von Schwanheim, Gronau und Auerbach ist dies ebenso möglich wie im Stützpunkt in der Robert-Bosch-Straße. An den anderen Standorten muss über Baustromverteiler improvisiert werden, kurz- und mittelfristig steht bei diesen Feuerwehrunterkünften aber auch eine Umrüstung zur Direkteinspeisung an.

Um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten und im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben, erstellen wir derzeit einen Notfallplan. Wir haben bereits vor dem Krieg in der Ukraine das Thema frühzeitig erkannt und uns hier gut aufgestellt. Gleichwohl müssen wir weitere Vorkehrungen treffen.

In Bezug auf den Notfallplan wird derzeit die „erste Stufe“ – unter anderem ein „Katastrophenschutzlager“ – realisiert.

Wie ist hier der aktuelle Stand?

Jens-Peter Karn: Nachdem die Stadtverordnetenversammlung am 21. Juli 2022 zusätzlichen Haushaltsmitteln in Höhe von 750 000 Euro zugestimmt hat, sind alle Ausschreibungen für Gerätschaften auf den Weg. Das Geld fließt unter anderem in neun Stromerzeuger für die Gerätehäuser in den Stadtteilen, damit diese im Ernstfall autark betrieben werden können. Hinzu kommen Ausgaben für den Aufbau einer Kraftstoffreserve, diverses Material und ein neues Lager, das von der Stadt für die Feuerwehr angemietet wird – die geeigneten Räume haben wir mittlerweile in einem Bensheimer Gewerbegebiet gefunden. Bei sechs Feuerwehrhäusern lassen wir zudem prüfen, in welchen Umfang sich die Installation von Photovoltaikanlagen lohnt.

Insgesamt schnüren wir ein Paket, das es den Feuerwehren im Stadtgebiet ermöglicht, bei einem Stromausfall 24 Stunden unter Volllast handlungsfähig zu bleiben. Die Hilfsorganisationen haben in einem solchen Fall mit erhöhtem Einsatzaufkommen zu rechnen und sind vor besondere Herausforderungen gestellt. Eine flächendeckende Versorgung der gesamten Bevölkerung ist unmöglich. Deshalb brauchen wir im Katastrophenfall die Mithilfe jeder einzelnen Bürgerin und jedes einzelnen Bürgers. Mit einer guten Vorbereitung und Vorsorge jedes einzelnen erhöhen wir die Chance, eine flächendeckende Notfallsituation gemeinsam lösen zu können.

Wir werden in den kommenden Jahren den Katastrophenschutz mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln ausbauen. Wichtig ist aber auch, die Bürgerinnen und Bürger dafür zu sensibilisieren, um ein neues Verständnis für diese Herausforderungen zu entwickeln.


Sie haben es gerade angesprochen: Stichwort Notfallvorsorge.

Allein das Wort schürt bei manchen Leuten Panik und verleitet zu Hamsterkäufen. Was raten Sie Privatpersonen, wenn es um die eigene Notfallvorsorge geht?

Jens-Peter Karn: Es geht hier einzig und allein um Vorsorge für einen möglichen Notfall. Je besser jede/r einzelne Vorkehrungen in Bezug auf einen Stromausfall trifft bzw. getroffen hat, desto besser – ich möchte fast sagen – desto entspannter kommen wir durch einen möglichen Krisenmodus. Denn Einsatzkräfte wie THW, Feuerwehr, Rettungsdienste können sich so beispielsweise viel besser auf die besonders schutzbedürftigen Gruppen konzentrieren. Sie können dann daran arbeiten, die Lage unter Kontrolle zu bringen und die dringendste Infrastruktur wiederherzustellen. In einer solchen Situation erst mal 1000 Anrufe von (gesunden!) Bürgerinnen und Bürgern abzufangen, die im Dunkeln sitzen, ist wenig hilfreich und bindet wichtige Kräfte. Taschenlampen und die Gewissheit, dass Nahrung und Wasser für ca. 10 Tage im Haus sind, entschärfen die emotionale Lage und tragen insgesamt zur Entschärfung bei.

Ich vergleiche das gerne mit einem Campingausflug. Hier renne ich auch nicht in den Supermarkt und kaufe 10 Packungen Klopapier. Es geht bei der Vorsorge um einen realistischen Notvorrat und nicht um Hamstern! Hamstern ist das Horten von Lebensmitteln oder anderen Dingen, die vermeintlich knapp werden könnten. Hamstern ist impulsiv, wenig durchdacht und unsolidarisch und hat viel schneller vermeidbare Engpässe zur Folge. Ein Notvorrat hingegen wird in sicheren Zeiten gezielt mit dem Nötigsten angelegt. Er hilft dabei, Engpässe gemeinschaftlich zu überbrücken.

Die Website des Bundesamtes für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz bietet hier einen guten Wegweiser. Auch wir haben auf der Website der Stadt Bensheim unter dem Motto „Im Ernstfall gut vorbereitet“ die wichtigsten Informationen auf einen Blick zur Verfügung gestellt unter: www.bensheim.de/gut-vorbereitet. Hier finden sich auch Informationen zur „hessenWARN“-App mit dem Modul „bensheimCITY“: Durch diese App bzw. Schnittstelle ist sichergestellt, dass auch in Bensheim wichtige regionale Informationen über Ereignisse der Nutzerin und dem Nutzer innerhalb kürzester Zeit als Push-Nachricht auf dem Smartphone zur Verfügung stehen.

 

Was raten Sie, wenn die üblichen Kommunikationswege wie das Handy ausfallen?

Jens-Peter Karn: Wir haben den glücklichen Umstand, dass wir in jedem Stadtteil noch funktionierende Feuerwehren haben. Diese werden wir im Ereignisfall besetzen. Die Herausforderung liegt darin, einen längeren Stromausfall zu erkennen und unsere Kräfte frühzeitig zu alarmieren. Hier erarbeiten wir gerade ein Zeitraster, wann die Kräfte sich bei Stromausfall auch ohne Alarmierung im Feuerwehrhaus einfinden.

Auch hier raten wir der Bevölkerung zur Selbstvorsorge: Habe ich beispielsweise einen gebrauchsfähigen Verbandkasten zu Hause? Sind benötigte Medikamente „auf Vorrat“ vorhanden? Habe ich in meiner Familie besonders schutzbedürftige Personen, um die ich mich kümmern muss (meine Oma im Rollstuhl, meine Schwester mit dem Säugling, etc.)

Was sehr hilfreich ist: Spielen Sie die Situation gedanklich einfach mit Ihrer Familie durch: Wenn zum Beispiel kein Handy mehr geht, dann treffen wir uns alle bei Opa. Bei Opa wäre dann der zentrale Treff- und Anlaufpunkt.

Oder wenn keiner zuhause ist, wird beispielsweise vereinbart, eine Nachricht auf dem Küchentisch zu hinterlassen, die regelt: Wer holt die Kinder im Notfall vom Kindergarten ab und bringt sie wohin und so weiter. Wenn das vorher geklärt ist, dann wird man vom Ausfall des Handys nicht überrascht, sondern ist vorbereitet. Fällt der Strom aus, funktionieren auch Fernseher und Internet als Informationsquelle nicht mehr. Laptop und Handy fallen ebenfalls dann weg, wenn der Akku leer ist. Daher empfiehlt es sich, ein batteriebetriebenes Radio und Reservebatterien im Haus zu haben, um auf dem Laufenden zu bleiben. Übrigens kann auch ein Solarradio oder Autoradio benutzt werden.


Thema mögliche Gasmangellage: Wenn die Heizung ausfällt, was tun?

Jens-Peter Karn: Auch hier ist die Vorsorge und das Zusammenlegen von Ressourcen und Kapazitäten entscheidend. Man sollte also rechtzeitig überlegen bzw. abklären: Ziehe ich zum Beispiel vorübergehend zu meinen Eltern oder wie helfen wir uns untereinander in der Nachbarschaft aus? In welchem Zimmer habe ich die beste Möglichkeit, eine erträgliche Temperatur zu halten? Eine regelmäßige Lüftung und Erneuerung des Sauerstoffgehalts ist wichtig.

Hier will ich an die Vernunft der Bevölkerung appellieren, bereits jetzt schon sorgsam mit Energie umzugehen. Nur weil es mal einen Tag kühl ist, muss man nicht in Panik geraten. Dicke Decken und Pullis im Haus sind eine einfache, aber gute Hilfestellung, wenn es darum geht, mal ein, zwei kältere Tage zu überbrücken.

Der Heizlüfter sollte möglichst ausgeschaltet bleiben, um das Stromnetz zu schonen. Sonst kann auch das noch ausfallen. Ein sorgsamer und umsichtiger Gebrauch von Elektro-Heizgeräten ist unbedingt nötig, um eine Überlastung des Stromnetzes zu vermeiden.

Auch der falsche Umgang mit Wärmequellen sieht die Feuerwehr mit Sorge. Beispielsweise Heizpilze, Grills oder ähnliches sind für Heizzwecke in der Wohnung absolut ungeeignet! Hieraus ergeben sich erhebliche Brand- und Vergiftungsgefahren. Deshalb appelliere ich an alle, sich frühzeitig zu informieren und vorzubereiten!

Wie schätzen Sie die Lage für den kommenden Winter ein?

Jens-Peter Karn: Wir müssen die Lage ernst nehmen – sie ist aber händelbar! Wir alle können etwas tun. Vielleicht hierzu die geflügelten Worte „Sieg liebt Vorbereitung“ und „Gemeinsam sind wir stark“! Wenn dies jeder in seinem Umfeld beherzigt, dann sind wir ein gutes Stück vorbereitet. Dabei gilt es, seine Komfortzone etwas zu verlassen und überlegt und strukturiert zu handeln!

Um auf eine mögliche Gasmangellage im kommenden Herbst und Winter vorbereitet zu sein, hat die Stadt Bensheim gemeinsam mit Partnern wie der Feuerwehr ein Maßnahmenpaket geschnürt: Damit wird der Energieverbrauch in den städtischen Liegenschaften reduziert. Unter Führung der Bürgermeisterin hat sich ein Krisenstab gebildet, der gezielt Einsparpotentiale ermittelt, Stufenpläne entwickelt und an Lösungen arbeitet.

Hier hat die Stadt Bensheim kürzlich eine Pressemitteilung veröffentlicht. Der Krisenstab behält die die aktuelle Entwicklung mit großer Wachsamkeit im Blick. Sollte sich die Lage verschärfen, werden zusätzliche Maßnahmen erforderlich.

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